Dornröschenschlaf für die Wirtschaft

Corona-Krise 2020 – auf einmal ist alles still in Deutschland, wir gehen auf Distanz, bleiben zu Hause und machen höchstens einen Spaziergang. Verfolgen gespannter als sonst, worüber in den Nachrichten berichtet wird. Und gleich sind sie da, die Hiobsbotschaften von Rezession, Massenpleiten und Weltwirtschaftskrise. Die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, heißt es. Jeden Abend ist ein neues „Special“ zum Thema auf Sendung, alle mit gleich negativem Tenor. Bald bin ich dieser Art der Berichterstattung überdrüssig, und mir fällt wieder ein, warum ich so ungern die Nachrichten schaue: weil dort traditionell das Schlechte, Beängstigende, Demotivierende im Vordergrund steht.

Und was spüre ich in dieser Zeit? Als mein Sohn am letzten „normalen“ Freitag nach Hause kommt und wir kurz darauf vernehmen, dass für mindestens fünf Wochen die Schulen geschlossen werden und kein Training im Verein mehr stattfinden kann, wird mir mulmig: Wie soll das gehen? Nur zu Hause rumsitzen? Keine Freunde treffen dürfen? Unmöglich?! Na, zumindest eine große Herausforderung!

Dann scheint die Sonne, wir gehen in den Wald und suchen die Boten des Frühlings, wir schlafen länger, wir schaffen eine neue Tagesstruktur, spielen stundenlang Monopoly und freuen uns des einfachen Lebens. Und als unsere Lieblingseisdiele in Kranenburg-Nütterden endlich wieder ihre Pforten öffnet, ist das ein echtes Highlight, auf das wir uns den ganzen Tag freuen.

Und von allen Seiten in meinem Umfeld höre ich, dass die Menschen diese Zeit GENIESSEN! Dass sie endlich mal nichts tun müssen. Und es geht. Tut sogar gut. Erste Ideen für einen Wandel entstehen: Müssen wir wirklich den halben Erdball bereisen? Kann nicht Produktion wieder im eigenen Land stattfinden? Wenn keine rumänischen Erntehelfer „eingeflogen“ werden dürfen, wäre das nicht auch eine höchst ehrbare Aufgabe für Menschen in Deutschland, vorausgesetzt, diese Arbeit würde auch finanziell gewürdigt?

Schlimm ist diese Zeit für die Menschen, die keine Einnahmen, dafür aber fast gleichbleibend hohe Kosten haben. Denn vor dem Hintergrund eines möglichen finanziellen Ruins fällt das Genießen schwer und stattdessen entsteht Raum für ganz viel Angst und Unsicherheit.

Ich mache mir in dieser Zeit viele Gedanken um unsere Gesellschaft, unsere Werte und das Leben im 21. Jahrhundert. Wohl wissend, dass mein Lösungsansatz weder zu Ende gedacht ist noch ins starre Denken von Politik und Wirtschaft passt, teile ich ihn erst familienintern, dann mit der „Rheinischen Post“ sowie mit Frau Merkel, Herrn Altmaier und Herrn Scholz, im Anschluss mit ausgewählten WhatsApp-Kontakten und hier auf meiner Seite mit allen, die es interessiert...

Sehr geehrte Frau Merkel, sehr geehrter Herr Altmaier, sehr geehrter Herr Scholz,

zunächst einmal möchte ich Ihnen zurückmelden, dass ich Ihre Arbeit in dieser Krise sehr schätze und respektiere. Ich bitte Sie herzlich, diese Mail zu lesen, zu durchdenken und den Vorschlag, den ich mache, trotz seiner Einfachheit - oder gerade deshalb - ernst zu nehmen.

In meiner Tätigkeit als Gestalt- und systemische Therapeutin erfahre und erlebe ich immer wieder, dass die besten Lösungen simpel sind, so simpel oftmals, dass meine Klientinnen und Klienten sie selbst zunächst nicht sehen, sondern meinen unbelasteten Blick von außen brauchen.

Von wirtschaftlichen Zusammenhängen habe ich keine Ahnung. Positiv formuliert, ließe sich auch hier sagen, ich habe einen freien, unbelasteten Blick auf das, was gerade wirtschaftlich in Deutschland, in Europa und weltweit passiert. Und ich habe einen gesunden Menschenverstand.

Nichts geht mehr in der Corona-Krise. Stilllegung für die gute Sache. Damit die Krankenhäuser nicht binnen kürzester Zeit aus allen Nähten platzen und schwer kranken Menschen aus „Kapazitätsgründen“ die rettende Behandlung verwehrt wird.

Ich erlebe in meinem Umfeld, dass die meisten bereit sind, Opfer zu bringen, zu verzichten und diese Phase mit größtmöglichem Gleichmut durchzustehen. Als ich vor zwei Wochen für die Beerdigung einer Freundin – eine der vorerst letzten Beerdigungen im großen Kreis – Blumen besorgte und mit der Floristin sprach, brachte diese zweierlei zum Ausdruck: Verständnis für die drastischen Maßnahmen und Sorge um ihre Existenz. Letztere schien mir ersterem untergeordnet.

Dennoch ist die Sorge da und droht mitunter vom Wesentlichen, nämlich der flächendeckenden Bedrohung für Leib und Leben, abzulenken. Langsam werden Stimmen lauter, die die Gesundheit der Wirtschaft über die der Menschen stellen. Und: Es ist gut, dass Betroffene finanzielle Hilfe signalisiert bekommen. Fraglich ist allerdings, ob dieses Hilfsangebot ausreichen wird.

Ich glaube, es gibt eine viel einfachere Lösung, so simpel, dass vielleicht kein Ökonom je darauf käme. Und so naiv erscheinend, dass ich mich fast nicht traue, sie zu präsentieren. Andererseits geht mir diese Lösung seit Tagen durch Kopf und Herz, und ich bin, was hin und wieder vorkommt, begeistert von meiner Kreativität... Darüber hinaus habe ich den Menschen in meinem privaten Umfeld diesen Ansatz vorgestellt und wurde damit durchaus ernst genommen. Eine Kollegin schrieb mir Folgendes dazu: "Das wäre wundervoll, wenn es so funktionieren würde. Wir Meschen sind, glaube ich, anders gestrickt und bräuchten dazu Konzepte, Anleitungen und Anweisungen." Und dafür brauchen wir Sie.

So einfach: Wir verzichten alle auf sämtliche Einnahmen. Und wir geben auch nichts aus, das Allernötigste zur Sicherung der Grundbedürfnisse einmal ausgenommen. Größtmöglicher Konsumverzicht bei gleichzeitiger Großherzigkeit. Dornröschenschlaf für die Wirtschaft und den Geldfluss. Und für uns alle. Am besten weltweit.

Dann bekomme ich zwar kein Honorar von meinen Klienten und keine Miete von meinen Mietern, mein Mann bezieht kein Gehalt, das Kindergeld wird ausgesetzt und unser Sohn verzichtet aufs Taschengeld. Gleichzeitig zahlen wir aber auch keine Miete, keinen Mitgliedsbeitrag für den Tischtennis-Verein, kein Zeitungsabo. Und dann haben wir die Möglichkeit zu entscheiden, wie viel von unseren Normalverdiener-Rücklagen wir in dieser Zeit auszugeben bereit sind für das, was wirklich wirklich wichtig ist. Das kriegen wir für ein paar Monate hin. Und sind auch gewillt und imstande, bei jedem Einkauf einen Betrag für Menschen zu hinterlegen, die keine Rücklagen haben.

Dann gehen alle Unternehmen, die gerade nicht gebraucht werden, wie auch jede und jeder Einzelne in einen Dornröschenschlaf. Und wenn dieser nach wenigen Wochen und Monaten zu Ende ist, treten wir heraus aus unseren vier Wänden und haben begriffen, wie wenig wir doch zum Leben brauchen und dass wir selbst es sind, die die Bedeutung und den Wert von Geld definieren.

Sicher ist das nicht zu Ende gedacht. Aber wir sehen ja schon, dass erste Unternehmen keine Miete mehr zahlen. Ohne Absprache ist das nicht tragbar. Und es wundert wenig, dass es ausgerechnet "Global Player" sind, die im Alleingang diese Maßnahmen ergreifen. Und doch: Letztlich ist es ein sinnvoller Schritt, wenn wir alle ihn tun.

Bitte ziehen Sie eine solche kreative Lösung in Erwägung - für unser Land und fürs Wesentliche: die Überwindung der Krise bei gleichzeitiger Minimierung der wirtschaftlichen Konsequenzen.

Über eine Rückmeldung freue ich mich.

Freundliche Grüße

Nicole Beckmann