Glauben ist eine Herzensangelegenheit

Glauben ist eine Herzensangelegenheit

Ein Beitrag zu Gott und Glaube, und das auf meiner Seite zu Therapie und Coaching? Ja, genau.

Von manchen Gläubigen wird Psychotherapie kritisch gesehen, wie ein Krückstock, den es nicht bräuchte, wenn der betreffende Mensch sich ganz auf Gott einließe. Dabei sind sowohl Gestalttherapie als auch Naturtherapie und -coaching eine Einladung zu tiefem Fühlen und Spüren, können also den Weg zu Gott bereiten oder ihn ausbauen.

Umso mehr freue ich mich, dass ich den Text, in dem Lothar Kuschnik, evangelischer Pfarrer, Autor, Gestalttherapeut und Supervisor, seine Gedanken zu Gott und dem Leben formuliert, hier in meinem Blog verwenden darf.

Im Supervisionsseminar im November 2019 war ich beseelt von meiner Reise nach Kanada, die ich im Vormonat beendet hatte. Ich hatte dort meine Tante und meinen Onkel besucht und war zum wiederholten Male mit deren Glauben in Verbindung gekommen. Bereits 2010 und 2012 hatte mich diese unerschütterliche Kraft, die die beiden ausstrahlen, tief berührt und beeindruckt. Ich begleitete sie in ihre Kirche und ließ mich auf Gebete sowie Gespräche über Gott und den Glauben ein. Und kehrte dann mit Zweifeln an meiner Entscheidung. mich dem Glauben zu verschließen, zurück. Das, was die Gläubigen, denen ich in Kanada begegnet war, ausstrahlten, war etwas zutiefst Zufriedenes, Sicheres, Klares. Und alle waren bereit zu geben, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich selbst zu verlieren.

Ähnlich wie bei den beiden Reisen zuvor erging es mir 2019, nur mit weiter reichenden Folgen, ohne dass ich das mit dem Verstand so entschieden hätte. Als ich zurück in Deutschland war, begann ich auf meinen Spaziergängen durch die Natur mit Gott zu sprechen. Und erhielt Antworten. Diese Antworten kamen prompt und mit einer solchen Klarheit und Sicherheit, dass sie keinen Raum für Zweifel ließen. Es war, als kämen sie aus mir, und doch waren es nicht meine Antworten. Seitdem verspüre ich zum ersten Mal in meinem Leben eine feste Grundsicherheit, eine Basis, die über materielle Sicherheit und Eingebundensein in mein soziales Netz hinausgeht

Dies teilte ich im Supervisionsseminar (wir treffen uns an vier Wochenenden im Jahr) der Gruppe mit, und daraus ergab sich in einer Pause ein Gespräch über Gott in unserer Gesellschaft: dass Menschen sich zwar sehnen nach „etwas Größerem“, nach „Spiritualität“, nach „Zeichen aus dem Universum“ – es aber vielen Menschen nicht „salonfähig“ erscheine, sich zu Gott zu bekennen. (Und ehrlich: Nach vielen Jahren ohne Kirche, Gebete und gelebte Beziehung zu Gott bin auch ich noch zurückhaltend damit, meinen Glauben nach außen sichtbar zu leben und mich auch gegen Widerstände dazu zu bekennen.)

Lothar erzählte daraufhin, dass er eines Tages seine Ideen zu Leben, Gott, Kirche und Glaube seinen Freunden habe zukommen lassen und damit ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst habe, von Empörung und vehementer Abgrenzung bis hin zu Dankbarkeit und völliger Zustimmung.

Mir gefällt vor allem die Frage nach der „Beweisbarkeit“ bzw. Lothars Antwort darauf: dass Gott und der Glaube an Gott pure Herzensangelegenheiten sind, die sich verstandeslogischer und wissenschaftlicher Beweisführung entziehen. Übrigens: von Lothar so klar und präzise auf den Punkt gebracht, dass seine Antwort nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Verstand erreicht har! Wahrscheinlich hat Gott seinen Anteil an diesem kleinen Wunder...

Unsere Seele denkt in Bildern, deshalb haben Menschen zu allen Zeiten Bilder von Gott entworfen. Er selbst hat das bekanntlich verboten: „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Jesus hat für dieses Problem eine gute Lösung gefunden. Es ist das kleine Wort ‚wie‘ (vgl. Fabian Vogt, Gott für Neugierige). Gott ist wie ein guter Hirte, Gott ist wie ein Sämann, Gott ist wie ein Weinbergbesitzer. Das machen wir ja auch, wenn wir von Menschen sprechen: wie ein Teufel, wie ein Engel. Bei Gott ist nur das Problem, dass die Menschen irgendwann vergessen haben, dass es sich nur um Bilder handelt. Sie nahmen das Bild für die Wirklichkeit, so entstand der alte Mann mit dem Bart, der die Welt lenkt. Als dann ihr Verstand, ihre Vernunft die Schwächen dieses Bildes erkannte, haben sie gesagt: An den Gott kann ich nicht glauben. Und: Ich kann Gott nicht beweisen. Ich glaube nur, was ich beweisen kann. Ich glaube nur das, was logisch ist.

Es stimmt, Gott ist nicht beweisbar. Beweisbar ist nur die Wirkung des Glaubens an ihn. Also die Spur, die er in den Seelen von Menschen hinterlässt. Dieser Glaube verändert den Menschen und seine Sicht auf die Welt, d.h. die Art, wie er seine Wirklichkeit konstruiert.

Die Frage nach der Existenz Gottes kann nicht lauten: Gibt es Gott? Wenn die Antwort ja wäre, wäre die nächste Frage: Dann beweise es mir. Wenn ich es vernünftig beweisen könnte, wäre es nicht Gott. Wenn die Antwort lautet: Ja, ich finde Spuren in den Seelen von Menschen, die in ihr Handeln reichen, dann spricht das nicht die Vernunft an, wohl aber das Herz. Im Herzen siedelt die Bibel das Zentrum des Menschen an. Das Herz kann hören und weise werden.

Dem Glauben an Gott geht eine Entscheidung voraus. Ich kann mich auch gegen den Glauben entscheiden. Ich bin autonom in diesen Entscheidungen.

Nehmen wir mal nur für einen Augenblick an, du hättest dich für den Glauben an Gott entschieden. Nehmen wir mal an, du weißt nicht, wie dieser Glaube entstanden ist. Du bist eines Morgens aufgewacht und hattest plötzlich die Gewissheit, dass Gott existiert. So existiert wie die Liebe zu deinem Kind, deinem Mann, deiner Frau, deinen Freunden. Du spürst, dass du in Beziehung zu Gott bist. Was ist anders in deinem Leben? Was hat sich verändert in dir? Was ist, wenn Jesus in deinem inneren Team mitspielt?

Der Glaube an Gott verändert den Blick auf die Welt, den Menschen und mich, und er beantwortet die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Der jüdische Arzt und KZ-Überlebende Victor Frankl hat ein Buch geschrieben: Und trotzdem Ja zum Leben. Er hat im KZ die Erfahrung gemacht, dass Menschen angesichts der absoluten Lebensbedrohung unterschiedlich reagierten. Wer überlebte, hatte einen Sinn in seinem Leben entdeckt. ‚Wer ein Wozu hat, erträgt jedes Wie‘, sagt Frankl. Der Mensch hat einen Willen zum Sinn. Sinn findet er in der Liebe und darin, der Welt schöpferisch etwas zu geben. [...]

Noch einmal Victor Frankl: Alle Freiheit hat ein Wovon und Wozu. Frei kann der Mensch werden von seinem Getriebensein, seine sekundären Bedürfnisse zu befriedigen. Sekundäre Bedürfnisse sind: Macht, Einfluss, Status, Geld haben wollen, Anerkennung. Die ganze Welt ist voll von diesen Getriebenen. Primäre Bedürfnisse sind alle physiologischen Bedürfnisse, Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe und Selbstverwirklichung. Freiheit heißt also frei werden von diesen sekundären Bedürfnissen. Das frei Werden wozu nennt Frankl das Verantwortlichsein, oder anders gesagt: ein Gewissen zu haben. ‚Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht.‘ Knecht meines Gewissens kann ich nur sein, wenn mein Gewissen mein reales Menschsein transzendiert. Ich also mein Menschsein von der Transzendenz her verstehe. Dann wird das Gespräch mit meinem Gewissen ein echter Dialog und nicht bloß inneres Selbstgespräch. Man kann es auch ganz einfach mit Martin Niemöller ausdrücken. Er fragte sich oft: Was würde Jesus dazu sagen? Oder noch anders ausgedrückt: Die moderne Psychotherapie geht davon aus, dass wir ein inneres Team haben, man kann es auch englisch als Ego States, also Ich-Zustände, beschreiben. Da gibt es hilfreiche, verletzte und verletzende Ego States. Sie in einen guten Kontakt zu bringen, ist Ziel der Therapie. Ist doch eine schöne Idee, einen Teamplatz mit Jesus zu besetzen. Dann orientieren sich unsere Handlungen an seinen Hinweisen: Gott lieben mit allen Kräften der Seele und den Nächsten wie sich selbst. Oder anders: Selig sind die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen, selig sind die, die Frieden stiften, sie werden Kinder Gottes genannt.“