„Männer sind wie Bäume“

„Männer sind wie Bäume!“, so lautete die Erkenntnis einer Freundin, als sie von einem Bonding-Seminar in Sinsheim zurückkehrte, bei dem sie Gelegenheit hatte, Männer aus nächster Nähe kennen zu lernen und zu begreifen.

Ich bin quasi von Kindesbeinen an eine Männerversteherin. Zeit meines Lebens habe ich mich in der Gesellschaft von Männern wohl gefühlt und mir lange Zeit gar keine Gedanken darüber gemacht, ob Männer anders sind als Frauen. Sie waren und sind mir einfach vertraut.

Regelmäßig enttäuscht war ich hingegen in meinen Beziehungen, in denen ich immer das Gefühl hatte, zu kurz zu kommen und nicht verstanden zu werden. Und dann habe ich herausgefunden – übrigens mit professioneller Hilfe -, dass Männer und Frauen nicht kongruent, sondern komplementär sind. Was für eine Herausforderung. Und was für eine Chance!

Kommen wir zurück zu dem Bild von dem Mann als Baum. Ich finde, es ist ein sehr schönes Bild, voller Respekt und Achtung vor der Erhabenheit, der Kraft und der Beständigkeit des Mannes. Einem Baum kann nichts so leicht etwas anhaben. Er steht da, kraftvoll und scheinbar unbeeindruckt den Stürmen trotzend. Er bietet Schutz, spendet Schatten und ist, so lange er im Gleichgewicht ist, wohlmeinend und verlässlich. In seiner Ruhe liegt seine Kraft.

Mich hat dieses Bild beschäftigt und die Frage aufgeworfen, wie denn Frauen sind, wenn Männer wie Bäume sind. Welche Pflanze kann die weibliche Natur symbolisieren?

Für mich ist es das Schilfgras. Es ist vollkommen anders als ein Baum und doch genauso stark. Es steht da, in enger Gemeinschaft und im Einklang mit seinesgleichen, und reagiert sofort auf das, was um es herum geschieht. Sobald Wind aufkommt, fängt es an sich zu bewegen. Doch selbst im stärksten Sturm bleibt es unbeschadet, weil es in der Lage ist, sich anzupassen, ohne sich aufzugeben. Es schwingt mit und bleibt sich treu.

Aus diesen symbolischen Betrachtungen der weiblichen und männlichen Natur hat sich mein Bild ergeben, das die Stärke und die Schwäche der Geschlechter erfasst.

Der Mann mit seiner enormen Schutzschicht, seinem Gewicht und seiner Standfestigkeit kann viel aushalten. Er ist nicht flexibel, da er es in aller Regel nicht sein muss. Beneidenswert? Manchmal bestimmt.

Doch was, wenn der Sturm des Lebens so stark ist, dass der Mann ihm nicht länger trotzen kann? Dann kann es ihn umhauen. Oder wenn jemand eine Kerbe in die harte Schutzschicht schlägt? Dann wird etwas sichtbar, was mit dem landläufigen Bild vom „starken Mann“ nur schwer in Einklang zu bringen ist: die zarte männliche Seele, die so weich ist, dass sie fast formlos, zerfließend erscheint. Und genau zu deren Schutz braucht der Mann seine harte Schicht.

Von einer harten Schicht weiß die weibliche Natur erst einmal nichts. Sie lebt damit und akzeptiert es, dass ihr Befinden mal so, mal so ist. Dass Tränen fließen, wenn sie traurig ist, und sie tanzen und springen will, wenn es ihr gut geht. So flexibel wie das Schilfgras passt sie sich den Gegebenheiten an. Dabei wirkt sie manchmal schwach. Doch in ihrer Natur, in ihrem Kern ist eine innere Stärke, die sie, wie ein Drahtseil, vor dem Einknicken und Abbrechen schützt. Selbst im stärksten Sturm.

Dass diese Gegensätzlichkeit, die ja bei genauerer Betrachtung gar nicht so gegensätzlich ist, sondern lediglich eine andere Anordnung von Härte und Weichheit, gleichermaßen faszinierend wie fordernd für Männer und Frauen ist, liegt auf der Hand. Wie oft macht uns die Andersartigkeit des anderen Geschlechts, meist in Gestalt des eigenen Mannes oder der eigenen Frau, zu schaffen, bringt uns an die Grenze unserer Lösungskompetenz und -bereitschaft? Die Antwort lautet: ständig und immer wieder. Eine lebenslange Lernaufgabe, die wir im Interesse der Liebe am besten ernst nehmen. Dann können wir voneinander lernen und über den Tellerrand unserer eigenen Natur hinausblicken. Nur so funktioniert die Liebe: mit Achtung vor der Andersartigkeit des anderen und mit der Bereitschaft, sich den damit verbundenen Konflikten und Ängsten zu stellen.

Und die Frau wird begreifen, dass sie die Flexibilität, die in ihr ist, nicht dem Mann abverlangen kann. Dafür kann sie von seinem Schutz und seiner Stärke profitieren und ist privilegiert, die Schönheit und Zartheit seiner Seele zu erleben, vorausgesetzt, sie ist bereit, ihn mit ihrer Liebe zu umschließen.

Wenn das geschieht, kann der Mann von der Frau lernen sich zu öffnen, ohne dabei gleich zu zerfließen. Er begreift, dass er stark und weich ist. Erst dadurch kann und wird er seine ganze Kraft entfalten, autonom bleiben und sich ganz einlassen.