Verlier ruhig den Verstand! (Es lohnt sich.)

Vor einiger Zeit hat Sabine (Name geändert) in meiner Praxis den Verstand verloren. Ich liebe diese Momente!

Komische Praxis, komische Therapeutin, denkst du jetzt vielleicht?!

Lose your mind and come to your senses!

Tatsächlich ist es großartig, wenn du deinen Verstand mal vernachlässigst und dich deinem sonstigen Potential öffnest. Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie, formulierte das so: „Lose your mind and come to your senses.“ – Sinngemäß heißt das nichts anderes, als das Denken abzustellen und so zu dir zu kommen. Geht nicht? Doch!

Zurück zu Sabine. Ihr Anliegen war klar formuliert: „Ich will meinen Neffen unterstützen und mit meiner Tochter im guten Kontakt bleiben.“ (Anmerkung: Neffe und Tochter sind sich in einer Sache nicht einig und haben auch sonst ein distanziertes Verhältnis zueinander. In der Sache ist Sabine auf der Seite ihres Neffen.)

Wie soll der Verstand eine so schwierige Aufgabe bewältigen, bei der es schließlich um Gefühle, Moral und Loyalität geht? Wenn Sabine darüber nur nachgedacht hätte, wäre sie kaum zu einer stimmigen Lösung gekommen. Tatsächlich hatte sie sich bereits erfolglos den Kopf zerbrochen, sodass sie das Thema mit in die Sitzung brachte.

Kopf, Herz und Bauch

In der Gestalttherapie darf der Verstand oft pausieren. In den Sitzungen geht es zuallererst einmal um die Wahrnehmung. Und es geht darum, einen Zugang zum Gefühl herzustellen. Das ist für viele Menschen erst einmal ganz schön schwierig. Gefühle scheinen in unserer Zeit eine untergeordnete Rolle zu spielen. Viele meiner Klienten haben zwar ein „Gedankenkarussell“ im Gepäck, aber keine Ahnung, was sie fühlen. Ich glaube, das ist ein Phänomen der westlichen Konsum- und Leistungswelt.

Sabine hat die Sitzung genutzt und nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihren Bauch und ihr Herz befragt. Dabei hat sich deutlich gezeigt, dass ihr Kopf überhaupt keine Ahnung hatte, wie sie ihr Problem lösen kann. Mehr noch: Für ihr Anliegen fühlte er sich NICHT ZUSTÄNDIG!

Anders Herz und Bauch – die beiden haben sofort auf Sabines Anliegen reagiert. Und über diese beiden Zugänge ist Sabine zu ihrer Lösung gekommen: „Ich will zu meiner Haltung stehen.“

Das fühlte sich stimmig für sie an, und im letzten Drittel der Sitzung haben wir dann ihren Verstand wieder miteinbezogen und ihn Sabines Lösung mit Inhalt füllen lassen. Was heißt das denn genau, wenn Sabine zu ihrer Haltung steht? Wie sieht das aus, wenn sie das tut? Und wie reagieren ihr Neffe und ihre Tochter darauf?

Raus aus dem Gedankenkarussell

Jetzt frag dich mal: In welchem Gedankenkarussell drehst du dich? Anders gefragt: Zu welchem Problem findest du einfach keine Lösung, obwohl du dich ständig damit beschäftigst? Es könnte dann sein, dass du auf dem falschen Kanal unterwegs bist. Jedenfalls ist es ein untrügliches Zeichen dafür, dass du dich überforderst.

Wie du zu dir kommen kannst, weiß ich natürlich nicht. Ich gehe gerne in den Wald und lasse meine Gedanken fließen. Meine Freundin Karin setzt sich ans Fenster und schaut in den Garten. Mein Mann macht eine Tour mit dem Motorrad. Andere meditieren klassisch, atmen bewusst oder beten.

Lass deinen Verstand mal ruhen. Und wenn die altbekannten Gedanken dich zu einer weiteren Karussellfahrt einladen, dann schlage die Einladung aus und lass deine Gedanken weiterziehen. Dann stellt sich möglicherweise die Lösung zu deinem „unlösbaren“ Problem wie von selbst ein. Das wünsche ich dir!

Und wenn sich dein persönliches Gedankenkarussell trotzdem weiter dreht, dann kannst du vielleicht Unterstützung beim Ausstieg gebrauchen. In diesem Fall mach einfach einen Termin. Gemeinsam kriegen wir das Karussell gestoppt!