Was ist Dienen?

Kurz vor Ostern schickte mit meine Gestalttherapie-Kollegin Ilona einen Auszug aus Rachel Naomi Remens Buch „Aus Liebe zum Leben“, der sie sehr berührt hatte und von dem sie meinte, er passe genau auf unsere gestalttherapeutische Arbeit. Mir selbst ist der Begriff des Dienens, das Remen in besagtem Auszug thematisiert, in einem Online-Kurs zum Thema Selbstständigkeit immer wieder begegnet, der Tenor war derselbe: dass die eigentliche Mission, wenn ich Menschen etwas anbiete, das Dienen ist. Mich hat das ebenfalls erstens berührt und mir zweitens verdeutlicht, worum es in der Selbstständigkeit primär geht: nicht etwas zu verkaufen, sei es ein Produkt oder eine Dienstleistung, sondern den Menschen etwas zu geben, das ihnen gut tut, ihnen hilft, sie bereichert. Was für eine simple und klare Zielrichtung. Wenn ich so arbeite, ergibt sich automatisch eine „Win-win-Situation“. Und obwohl ich schon seit Jahren therapeutisch arbeite und mir immer eingebildet habe, damit meinen Klientinnen und Klienten dienlich zu sein, spüre ich inzwischen einen feinen Unterschied: Viel wichtiger als all meine Expertise, mein Wissen, meine Lebenserfahrung und meine Erfahrung als Therapeutin und Coach ist, dass ich meinen Klienten in meiner Ganzheit zur Verfügung stehe, mich ganz auf sie einlasse und mich ganz einbringe – auch und gerade mit meinen eigenen Ängsten, Neurosen und Schwächen. So entwickelt sich dann genau der Kontakt, auf dessen fruchtbarem Boden Heilung und Wachstum möglich werden. Denn es entsteht eine echte Verbundenheit und Beziehung. Dieser Prozess hat nichts mit Fachwissen, Methodenvielfalt oder Handwerkszeug zu tun, sondern findet auf einer tieferen Ebene statt. Es scheint mir genau das zu sein, was R.N. Remen als Entdeckung, dass das Leben heilig ist, bezeichnet...

„Wahres Dienen ist keine Beziehung zwischen einem Experten und einem Problem. Es ist etwas viel Echteres als das. Es ist eine Beziehung zwischen Menschen, die das gesamte Potential ihrer kombinierten Menschlichkeit in eine Situation einbringen und es großzügig miteinander teilen. Dienen geht über Kompetenz hinaus...

Oft helfen wir anderen, aber wir dienen ihnen nicht wirklich. Jene, die helfen, sehen das Leben anders als jene, die dienen, und sie haben auch eine andere Wirkung auf das Leben. Es ist nicht leicht, den Menschen, dem man hilft, nicht als jemanden anzusehen, der schwächer ist als wir selbst, bedürftiger. Wenn wir helfen, werden wir uns unserer Stärke bewusst, weil wir sie einsetzen. Andere werden sich unserer Stärke ebenfalls bewusst und mögen sich dadurch herabgesetzt fühlen. Aber wir dienen nicht durch unsere Stärke, wir dienen durch uns selbst. Wir schöpfen dabei aus all unseren Erfahrungen. Im Laufe der Jahre habe ich herausgefunden, dass alles dient, was ich weiß, und alles dient, was ich bin. Ich habe Menschen sogar hervorragend mit Teilen meiner selbst gedient, derer ich mich selbst schäme. Die Ganzheit in mir dient der Ganzheit in anderen und der Ganzheit im Leben. Die Ganzheit in dir ist genauso viel wert wie die Ganzheit in mir. Dienen ist eine Beziehung zwischen Gleichen.

Indem ich diene, werde ich meiner Ganzheit gewahr und vermag sie besser zu akzeptieren. Indem ich sie benutze, um zu dienen, vermag ich ihre Macht vielleicht zu sehen und zu verstehen. Oft sind meine eigenen Grenzen zur Quelle meines Mitgefühls geworden, und meine eigenen Wunden haben mich nicht nur behutsamer gegenüber den Wunden anderer gemacht, sondern haben mir auch ermöglicht, auf den geheimnisvollen Prozess zu vertrauen, durch den wir heilen können. Meine eigene Einsamkeit hat es mir erlaubt, die Einsamkeit in anderen zu erkennen, jenen Ort zu respektieren, wo jeder mit sich allein ist, und andere im Dunkeln zu treffen...

Aus einer durch Helfen gekennzeichneten Beziehung kann ein Gefühl der Verpflichtung entstehen, dass einer in der Schuld des anderen steht, aber Dienen ist, wie das Heilen, etwas Gegenseitiges. Dienen ist frei von dem Gefühl einer Schuld. Die Ganzheit in mir wird ebenso gestärkt wie die Ganzheit in dir. Jeder, der in diesen Prozess einbezogen ist, schätzt sich glücklich, daran teilhaben zu können. Das Helfen mag uns ein Gefühl der Befriedigung verschaffen; beim Dienen machen wir die Erfahrung von Dankbarkeit.

Dienen ist etwas anderes als reparieren. Abraham Maslow, einer der Pioniere der Humanistischen Psychologie, sagte einst: „Wenn man als einziges Werkzeug einen Hammer hat, dann sieht alles aus wie ein Nagel.“ Wenn wir uns selbst als einen Menschen sehen, der die Dinge repariert, dann könnte es sein, dass wir überall kaputte Dinge sehen und über das Leben selbst Gericht halten. Wenn wir andere reparieren, dann übersehen wir vielleicht ihre verborgene Ganzheit oder können nicht auf die Integrität des Lebens in ihnen vertrauen...

Vielleicht ist das Reparieren nur eine Weise, wie man mit Sachen umgeht. Geht man mit Menschen auf diese Weise um, dann leugnet man auf tiefgreifende und subtile Weise die Macht des Lebens und das Mysterium des Lebens in ihnen und entwürdigt sie...

Jeder Mensch, der dient, dient dem Leben. Wir dienen etwas, das unserer Aufmerksamkeit, des Einsatzes unserer Zeit und unseres Lebens würdig ist. Beim Dienen geht es nicht darum, das Leben zu reparieren, ihm ein Schnippchen zu schlagen, es zu kontrollieren oder sich um Meisterung des Lebens zu bemühen. Wenn wir dienen, dann entdecken wir, dass das Leben heilig ist. Dienen hat mehr mit Großzügigkeit als mit Pflicht zu tun. Es verbindet uns miteinander und mit dem Leben selbst. Wenn wir unsere Verbundenheit erfahren, dann beginnen wir anderen ganz von selbst und freudig zu dienen. Auf lange Sicht erschöpfen das Reparieren und das Helfen unsere Kräfte, aber das Dienen erneuert uns. Wenn wir dienen, dann wird uns diese Arbeit selbst unterhalten, uns erneuern und uns segnen, oft für viele Jahre.

Die beste Definition von Dienen, die ich kenne, ist ein einziges Wort: ZUGEHÖREN. Dienen ist die endgültige Heilung von Isolation und Einsamkeit. Es ist die gelebte Erfahrung des Zugehörens.“