Wie schmeckt dir diese seltsame Frage?

Manche Fragen sind so simpel, dass man ihren Sinn anfangs gar nicht erfasst. So befremdlich, dass man spontan „Hä?!“ denkt. So provokant, dass man das gar nicht vertiefen will.

Heute serviere ich dir mal so eine Frage, quasi als Appetithäppchen. Du kannst sie dir auf der Zunge zergehen lassen. Und wenn sie dir zäh oder schwer verdaulich vorkommt? Dir „irgendwie“ nicht in den Kram passt? Dann könnte das ein Zeichen sein, dem es sich nachzugehen lohnt. Natürlich in deinem Sinne: für mehr Lebensfreude und weniger Stress im Kontakt mit anderen. Deshalb: Guten Appetit!

Hand aufs Herz

Willst du Recht haben oder glücklich sein?

Ich habe diese Frage vor fast 20 Jahren zum ersten Mal gehört und fand sie nicht witzig. Irgendwie fühlte ich mich provoziert, als Arno (einer meiner Ausbilder) sie mir stellte. Und ertappt! Denn natürlich fand ich es richtig (!) gut, Recht zu haben. Denn darum geht es doch in Auseinandersetzungen, oder?!

Dieses Gerücht hält sich hartnäckig. Wenn du einen Konflikt austrägst und kämpfst, kannst du gewinnen. Du beweist verbale und rhetorische Stärke und fühlst dich größer. Der andere kann nur klein beigeben. Sehr schmeichelhaft für dein Ego. Und das fühlt sich erstmal gut an, ich gebe es zu!

Das Problem

Rechthaben geht (erstens) leider immer auf Kosten eines anderen: Wenn du dich durchsetzt, bist du der Gewinner, der andere automatisch der Verlierer. Und wie fühlt es sich an, unterlegen zu sein, verloren zu haben?! Genau - schlecht!

„Was hat das mit mir zu tun, wenn der andere sich schlecht fühlt?!“, könntest du jetzt einwerfen.

Die Antwort: Es schwächt (zweitens) die Beziehung, in der die Wer-hat-Recht-Frage gerade ausgefochten wird. Wenn es nur um diese eine Frage geht, setzt sich der eine durch, der andere liegt am Boden. Wie im Krieg oder in der Politik. Und die ist ein Haifischbecken.

Vielleicht übertreibe ich jetzt auch ein bisschen. Nicht immer ist es hochdramatisch, wenn der Rechthabende und der Verantwortliche benannt werden. Julia: „Mensch, du hast doch versprochen, Brötchen mitzubringen.“ – Sven: „Du hast Recht. Jetzt habe ich das vergessen. Sorry!“ In solchen kleinen Begebenheiten ist das kein Problem – jedenfalls so lange, wie die Beziehung stabil ist. (Allerdings ist eine vermeintlich kleine Begebenheit oft gar nicht so ungefährlich. Wenn Julia und Sven nämlich einen tieferliegenden Konflikt haben, kann der sich an jeder Kleinigkeit entzünden.)

Wenn du aber die Kriterien richtig und falsch / Rechthaben und Schuldigsein in sämtlichen Auseinandersetzungen zugrunde legst, ist das (drittens) echt anstrengend für dich. Du verpulverst jede Menge Energie, die dir dann an anderer Stelle fehlt. Denn auch wenn du als Sieger den Ring verlässt – erst einmal musst du ja kämpfen.

Die Alternative

Wenn du dich entscheidest, glücklich zu sein, ist das per se schon mal gut. Das aber damit zu verbinden, dass du aufs Rechthaben verzichtest, macht’s noch besser.

Warum ist das so? - Ganz einfach: Die Entscheidung bewahrt dich vor zweifelhafter Schwerpunktsetzung und vermeidbaren Kämpfen. Du wirst davon profitieren, weil du viel weniger kämpfst. Was du dabei lernen kannst? Um des Glückes willen einzulenken, nachzugeben oder Fünfe gerade sein zu lassen. Das hat übrigens nichts mit Selbstverleugnung zu tun, sondern ist eine aktive Entscheidung. Es lohnt sich nämlich nicht immer, in den Kampf zu gehen. Manchmal tut es viel besser, großzügig, offen und wohlmeinend zu sein. Vor allem bei Themen, in denen keiner der Beteiligten so richtig Recht hat.

Zum Beispiel war Anja neulich bei mir in der Praxis. Sie ist 27 und organisiert ihr Leben gerade neu. Sie stellt vieles in Frage und hat sich von ihrem Freund getrennt. Auch mit ihrem Job hadert sie. Deshalb hat sie Stress mit ihrer Mutter. Anja ist total genervt und wütend, weil ihre Mutter sich ständig einmischt. Verständlich, oder? Schließlich ist sie erwachsen!

Anjas Mutter macht sich vermutlich Sorgen um ihre Tochter, will sie glücklich sehen und zweifelt Anjas Entscheidungen an. Anja hat nämlich die Tendenz, sich vom Acker zu machen, wenn etwas zu sehr zur Gewohnheit wird. So war es zumindest bisher. Und Anjas Mutter liebt ihre Tochter. Also ist ihre Sorge nachvollziehbar, richtig?

Dieses Beispiel zeigt es perfekt: Beide haben Recht. Oder keine. Je nach Sichtweise. Jetzt können die beiden miteinander in den Clinch gehen, darin sind sie geübt. Anja macht das allerdings keinen mehr Spaß mehr, weil es zu keiner Lösung führt. Sie ist jetzt offen für einen neuen Weg. So hat sie zwei Dinge beschlossen: ihrer Mutter zu sagen, wie sie sich fühlt; und die Sorge ihrer Mutter zu akzeptieren. Fünfe gerade sein zu lassen.

Ich gebe zu, das ist schon ein Lernprozess, der ein bisschen Umdenken und Übung erfordert. Es lohnt sich aber!

Der erste Schritt ist (wie immer), dass du dir über dein eigenes Verhalten klar wirst. Wenn du das willst, dann stell dir diese 5 Fragen:

  1. Wann beharrst du auf dein Recht? Bei welchen Menschen und in welchen Situationen?
  2. Was hast du davon?
  3. In welchen Situationen willst du weiterhin im Kampf-Modus bleiben?
  4. In welchen Situationen willst du dich fürs Einlenken, Nachgeben, Fünfe-gerade-sein-lassen entscheiden?
  5. Und was ändert sich in deinem Leben, wenn du dich in Zukunft öfter fürs Glücklichsein entscheidest?

Meine Faustregel: Je näher mir der Mensch steht, mit dem ich einen Konflikt habe, desto eher verzichte ich aufs Kämpfen. Aber wenn mir jemand, der mir nicht wichtig ist, „blöd“ kommt, habe ich am Kampf manchmal auch diebische Freude – vor allem, wenn ich gewinne!

Schreib mir doch mal, wie du das in deinen Beziehungen mit Rechthaben und Glücklichsein machst. Du erreichst mich ganz einfach übers Kontaktformular unten auf dieser Seite. Ich freu mich über deine Nachricht!