Willst du frei oder verbunden sein?

Weißt du noch damals im Mutterleib? Vielleicht findest du diese Frage etwas befremdlich. Wie soll man sich denn bitteschön an die Zeit im Mutterleib erinnern? Okay, ich gebe es zu: So ganz konkret ist meine Erinnerung daran auch nicht mehr. Ich bin aber sicher, dass ich – genau wie du – Erinnerungen aus dieser Zeit abgespeichert habe. Die sind rational zwar nicht zugänglich, emotional aber sehr wohl wirksam.

Im Mutterleib und während der Geburt machen wir Menschen eine wunderbare Erfahrung, die sich so ohne Weiteres leider (?) nicht mehr wiederholen lässt. Sobald wir das Licht der Welt erblickt haben, wird uns der paradiesische Zustand peu à peu entzogen... Und wir müssen selbst dafür Verantwortung übernehmen.

Ich spreche vom gleichzeitigen Erleben von Autonomie und Verbundenheit. Denn durch die Erfahrung, die wir im Mutterleib und bei der Geburt machen, speichert unser Gehirn zweierlei ab:

  1. „Ich wachse. Also werde ich auch weiter wachsen.“ Aus diesem Erleben entsteht das Bedürfnis nach Autonomie und nach Wachstum. Schließlich wächst das Kind erst im Mutterleib heran, bis es ihm schließlich zu eng wird. Es ist aus diesem ersten „Zuhause“ praktisch herausgewachsen.
  2. „Ich bin verbunden und geborgen.“ Während der neun Monate im Mutterleib hört der werdende Mensch das Herz der Mutter schlagen, hört ihre Stimme und nimmt sogar ihre Stimmung auf. Es ist scheinbar untrennbar mit ihr verbunden. Diese Verbundenheit erlebt der Säugling auch nach der Geburt noch beim Stillen und wenn er gehalten wird.

Wir kommen also auf die Welt in der Überzeugung: Wachsen ist möglich, UND Verbundenheit ist möglich.

Später scheint das unvereinbar: Wir wollen verbunden sein und wachsen / uns entwickeln. Wenn wir dann verbunden sind, meinen wir, nicht wachsen zu können. Und wenn wir uns dann trennen, wachsen wir wieder, verlieren aber die Verbindung. Ein klassisches Dilemma!

Im „Idealfall“ hast du schon als Kind gelernt, dass NICHT IMMER BEIDES GLEICHZEITIG möglich ist. Ebenso hast du erfahren, dass du dir TROTZDEM IMMER WIEDER beide Bedürfnisse erfüllen kannst. Und dass es okay ist, die Eltern zu brauchen und deine eigenen Erfahrungen zu machen.

Aber was ist schon der „Idealfall“? – Ich bin ziemlich sicher, dass es den nicht gibt.

Und so kleben manche in einer Beziehung fest, weil sie es fürchten, alleine und unverbunden zu sein. (Dabei merken sie gar nicht, dass sie auch IN der Beziehung nicht verbunden sind).

Andere halten es dafür nicht lange mit einem Partner aus und fliehen immer wieder ins Alleinsein - aus Angst, die Beziehung könne sie ersticken, ihnen die Luft zum Atmen und den Raum zum Wachsen nehmen.

Aus beiden Extremen entstehen Probleme und Stress, weil beide Bedürfnisse bleiben.

Die einzige Lösung, das scheinbar Unvereinbare (Bindung und Wachstum) miteinander zu vereinbaren, ist die Liebe. Wenn ich wirklich liebe, dann gestehe ich dem anderen zu, in dieser Liebe zu wachsen, sich zu entwickeln, autonom zu sein. Und er darf das Gefühl haben, ganz tief mit mir verbunden zu sein.

Ich finde diese Polarität von Autonomie und Bindung faszinierend. Und das richtige Maß zu finden (auf dem Fundament der Liebe), ist eine Aufgabe fürs Leben. Ich tendiere immer etwas mehr zur Autonomie und bin dankbar, dass mein Mann mir meinen Freiraum lässt.

Wie steht es mit deinem Bedürfnis nach Autonomie und nach Bindung?

  • Welches Bedürfnis stellst du eher in den Vordergrund?
  • Wie wäre es, wenn du das andere Bedürfnis in den Vordergrund stellen würdest? Wie wäre dein Leben dann? Was wäre anders verlaufen?
  • Wie profitierst du von deiner Art, Autonomie und Verbundenheit zu leben?
  • In welcher Hinsicht kommst du zu kurz?
  • Falls du in einer Beziehung lebst: Wie kommt dein Partner mit deinen Bedürfnissen nach Autonomie und Bindung zurecht? Wovon profitiert er, und was ist schwierig für ihn?

In der Arbeit mit meinen Klienten ist das Dilemma von Autonomie und Bindung übrigens ein beliebtes Thema. Die Gestalttherapie eignet sich hervorragend, um es zu bearbeiten. Denn sie ermöglicht dir zu fühlen, wo du stehst, was du brauchst und wie du dort hinkommst.

Wenn du also zu stark in eine Richtung tendierst (und das andere Bedürfnis zu oft unerfüllt bleibt), ist das kein Schicksal. Du kannst die beiden Extreme in ein für dich passendes Gleichgewicht bringen.

Hast du das Gefühl, bei diesem „Projekt“ kannst du Hilfe gebrauchen?

Dann nimm am besten gleich Kontakt zu mir auf und vereinbare einen Termin für ein Gratis-Erstgespräch.